Anatomie und Funktion des Pferderückens

von Britta Rotter

In diesem Artikel möchte ich kurz die Anatomie des Pferderückens beschreiben ohne dabei auf die Halswirbelsäule und die Extremitäten einzugehen, um die Funktion unter dem Reiter zu erklären.

Pferderücken
Quelle: Susan E. Hakola

Die Brustwirbelsäule

Der Pferderücken besteht aus der Brustwirbelsäule mit 18 Wirbeln, die allesamt nach oben durch lange schmale Knochen verlängert sind – die Dornfortsätze. Diese sind besonders deutlich im Bereich des Widerrists ausgeprägt. An beiden Seiten eines jeden Wirbels setzten mit kleinen Gelenken die Rippen an, die faßförmig nach unten laufen und dort von beiden Seiten am Brustbein – ein kielförmiger Knochen zwischen den Vorderbeinen bis in die Gurtlage – ansetzten. Die hinteren Rippen setzten nicht direkt an, sondern sind über Knorpelleisten mit dem Brustbein verbunden.

Die Lendenwirbelsäule

Sie besteht aus sechs Wirbeln mit größeren Wirbelkörpern, kurzen Dornfortsätzen die Richtung Pferdekopf zeigen und sehr langen Querfortsätzen, die seitlich horizontal vom Wirbel wegstehen.

Das Kreuzbein

Es ist aus fünf Wirbeln zu einem festen Knochenstück zusammengewachsen. Bei Fohlen und Jungpferden sind diese Knochennähte oft noch ein wenig instabil.

Die Schwanzwirbel

Circa 20 an der Zahl, alle sehr klein und zum Großteil zusammengewachsen.

An jedem Wirbelkörper befinden sich vorne und hinten Gelenkflächen für den benachbarten Wirbel. Diese sind mit Knorpel überzogen, der als „Stoßdämpfer“ und „Gleitlager“ für die Wirbelsäulenbewegung dient. Zwischen jeweils zwei Wirbeln treten auf beiden Seiten Nervenwurzeln durch kleine Löcher aus, durch die die Nerven vom Rückenmark in den Körper ziehen.

Aufhängung der Wirbelsäule

Die ganze Wirbelsäule ist wie eine Hängematte zwischen Schulterblättern und Becken aufgehängt, wird also nicht von den Beinen getragen! Die Aufhängung zwischen den Schulterblättern erfolgt über große tiefliegende Muskeln, die den Brustkorb tragen. Am Becken liegt ein kleiner Teil der Beckenknochen beidseits über dem Kreuzbein, dort stoßen die Knochen in einem kleinen unechten Gelenk aufeinander. Diese Kreuzdarmbeingelenk (medizinisch ISG) ist eine Bandhaft, dass heißt sehr starke Bänder halten die Knochen aneinander, Knorpel und Gelenkkapsel fehlen aber. Hier findet eine Federbewegung statt, die für die Kraftübertragung von der Hinterhand auf die Wirbelsäule sehr wichtig ist. Blockierungen in diesen Gelenken verändern daher den ganzen Bewegungsablauf. Die Brustwirbelsäule ist in dieser Aufhängung von unten durch den Brustkorb (Rippen und Brustbein) und dessen Muskulatur gestützt, die Lendenwirbelsäule ist wirklich eine „freitragende Konstruktion“.

Stellt man sich jetzt einen Reiter auf dieser aufgehängten Wirbelsäule sitzend vor, hat man eine Ahnung welche Leistung ein Pferd aufbringen muss um den Reiter ohne körperliche Schäden zu tragen!

Wichtige Wirbelsäulenbänder

Bänder verleihen Stabilität und begrenzen zu große Bewegungen. Besonders wichtig an der Wirbelsäule ist das Längsband, das am gesamten Rücken von Dornforsatz zu Dornforsatz zieht und im Halswirbelbereich eine breite und feste Platte (Nackenband) bildet die an den Halswirbeln und am Hinterkopf festgemacht ist. Aber auch unter der Wirbelsäule und zwischen jedem einzelnen Wirbel gibt es Bänder.

Bewegung der Wirbelsäule

Die Wirbelsäule ist dreidimensional beweglich. Sie kann sich beugen und strecken, kann sich vor allem in der Lendenwirbelsäule zur Seite beugen, während in der Brustwirbelsäule die Rotation um die Längsachse am stärksten ausgeprägt ist. Seitwärtsbeugung ist immer mit Rotation verbunden.

Ausgelöst wird die Bewegung durch die Muskulatur. Einige Muskelgruppen kurz zusammengefasst:


Quelle: Jean-Marie Denoix, Jean-Pierre Pailloux: Physiotherapie und Massage bei Pferden, Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart, 1997

Es gibt viele Muskeln, die von der Wirbelsäule kommen und zur Vorder- oder Hinterhand ziehen. Diese können alle auch umgedreht die Wirbelsäule bewegen wenn zum Beispiel das jeweilige Bein am Boden steht oder durch andere Muskeln fixiert ist.

Beispiel:

Der Lendenmuskel kommt von der Lendenwirbelsäule und zieht zum Oberschenkel, kann also entweder das Hinterbein nach vorne ziehen oder bei stabilisiertem Bein (Versammlung mit vermehrter Hankenbeugung) die Lendenwirbelsäule nach oben beugen.

Wie trägt uns das Pferd

Den Hauptteil unseres Gewichts trägt das Pferd mit der Wirbelsäule. Damit wir diese nicht nach unten durchdrücken und im schlimmsten Fall die Dornfortsätze gegeneinander drücken muss das Pferd seine Wirbelsäule aufwölben. Die Aufwölbung erfolgt sowohl aktiv als auch passiv. Die passive Anhebung der vorderen Brustwirbelsäule bis circa zum 14. Brustwirbel geschieht über die Stellung des Halses und Kopfs. Sowohl bei einem langen vorwärts-abwärts Strecken als auch bei aufgerichtetem Hals und gebeugten Kopfgelenken („am Zügel“) kommt das Nackenband, das ja am Hinterkopf ansetzt unter Spannung. Das zieht weiterlaufend die Dornfortsätze der Brustwirbelsäule nach vorn-oben, sie hebt sich.

Die Wölbung der hinteren Brustwirbelsäule und Lendenwirbelsäule geschieht durch die Aktivität zweier großer Muskelgruppen. Zum einen die Bauchmuskeln, die den unteren Teil des Beckens nach vorne ziehen und damit durch Hebelwirkung den oberen Beckenrand nach hinten unten bewegen. Der Beckenrand nimmt über die ISG das Kreuzbein mit nach hinten-unten und zieht so die Lendenwirbelsäule nach oben in Beugung. Dasselbe wird von der oberen Kruppenmuskulatur (entspricht unserer Gesäßmuskulatur) und dem beschriebenen Lendenmuskel gemacht. Sie ziehen bei stabilisiertem oder untertretendem Hinterbein ebenfalls den oberen Beckenrand nach hinten.


Versammlung
Quelle: Jean-Marie Denoix, Jean-Pierre Pailloux: Physiotherapie und Massage bei Pferden, Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart, 1997


Schwungvolles vorwärts-abwärts Reiten
Quelle: Jean-Marie Denoix, Jean-Pierre Pailloux: Physiotherapie und Massage bei Pferden, Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart, 1997]]

Rückentraining unter dem Reiter

Ausgehend von dieser Rückenfunktion sollte man Pferde langsam vom langen, schwungvollen (Untertritt der Hinterhand beugt hinteren Rücken) vorwärts-abwärts Reiten in Richtung einer Versammlung ausbilden. Die echte Versammlung verlangt dem Pferd aber sehr viel Kraft der Hinterhand-/Bauch-/Nackenmuskulatur ab und sollte immer wieder von vorwärts-abwärts Phasen unterbrochen werden um Verspannungen dieser Muskeln zu vermeiden.

Ebenso wichtig ist die Gymnastizierung mit Seitwärtsbiegung der Wirbelsäule um die tiefen kurzen Rückenmuskeln anzuregen und die Feineinstellung der Wirbelsäule zu verbessern. Auch die schrägen Bauchmuskeln werden durch dieses Training gekräftigt. Ein besonders wichtiger Aspekt ist die Seitwärtsbiegung als Kräftigung der langen Rückenmuskeln, da der jeweils innere Rückenmuskel stark arbeiten muss. Dies ist die sinnvollste Form der Arbeit für diese Muskelgruppe da seine Hauptfunktion der Rückenstreckung für die Tragfähigkeit ja eher einen negativen Aspekt bildet. Bei Seitwärtsbiegung wird die äußere Seite gedehnt, wodurch sich kleine Verspannungen im äußeren Rückenmuskel beziehungsweise allen Muskeln der äußeren Seite lösen lassen. Wichtig ist dabei ein korrekt sitzender Reiter, der nicht vermehrt den äußeren gedehnten Muskel belastet. Ähnlich ist die Wirkung auf die Wirbelsäule. Es entsteht außen eine Dehnung auf Gelenkkapsel und Bänder. Die äußeren Gelenkflächen werden entlastet, der Raum für die austretenden Nervenwurzeln wird größer. Für die Innenseite verhält es sich genau andersherum, der Raum zwischen den Wirbeln wird enger. Sollte also ein bestimmter Wirbel in Rotationsfehlstellung (Blockierung) zu dieser Seite stehen erhöht sich jetzt der Druck und führt zu stechendem Schmerz. Verweigert also ein Pferd eine Biegungsrichtung hartnäckig muss der Rücken untersucht werden.

Die Abwechslung zwischen Zug- und Druckbelastung für ein Gelenk wie sie durch Wechsel der Biegungsrichtung entsteht ist für den Gelenkknorpel lebenswichtig, denn er wird über Zug und Druck ernährt. Ähnlich wie bei einem Schwamm, den man auspresst und der sich dann wieder voll saugt.

Zum Abschluss dieses Artikels noch etwas, was mir sehr am Herzen liegt:

Über den richtigen Schwerpunkt des Reiters wird viel diskutiert, aber eines ergibt sich aus der Anatomie ganz klar: Die Brustwirbelsäule ist von einem sehr stabilen knöchernen Brustkorb unterstützt, die Lendenwirbelsäule hingegen schwebt freitragend über inneren Organen und letztendlich der Bauchmuskulatur.

Der Reiter muss mit seinem Gewicht unbedingt auf der Brustwirbelsäule sitzen und hat dafür zu sorgen, dass er weder durch unpassenden zu langen Sattel noch durch zu weit nach hinten verlagerten Sitzschwerpunkt die Lendenwirbelsäule belastet!

Diser Artikel wurde im » Isi-Rider 04/2004 veröffentlicht. Der Isi Rider ist seit 1989 das Mitteilungsblatt des IPZV Südbayern e.V. für seine Mitglieder.

« SZ-Artikel vom 21.02.2004 |